Sieben Thesen zu Lebenskunst und Luxus im digitalen Wandel
Michael Sandvoss - Experte für Luxus & Lebenskunst | Foto: Thomas Friedl - Friedl Photography

„Romantisiere Dein Leben und Dein Geschäft und schaffe mehr Sinn, Würde, Überraschung und Geheimnis.“ (Michael Sandvoss)

Sieben Thesen zu Lebenskunst und Luxus im digitalen Wandel

Schon Heraklit brachte es auf den Punkt: „Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung“. Wie können wir aber den enormen Wandel durch die Digitalisierung sowohl im Beruflichen als auch im Privaten bewältigen und dabei auch noch ein schönes, möglichst glückliches Leben führen? Welche Bedeutung hat heute das sinnlich Analoge und was für eine Rolle spielen hier luxuriöse Dinge und Luxuserfahrungen? Inwiefern helfen hier Romantisierungsstrategien? Wie kann die Verbindung der analogen und digitalen Welten gelingen?

Wie sehr dient die Akzeptanz der Widersprüchlichkeit des Lebens als Lösungsansatz?

1. Die zunehmende Digitalisierung nährt die Sehnsucht nach emotionalen und sinnlich analogen Erfahrungen

Die Digitalisierung steht für eine zunehmende Beschleunigung und rasante Veränderung unserer Arbeitswelten und Lebensgewohnheiten. Primär werden hier nur die zwei Sinne, Hören und Sehen, „hinter der Scheibe“ angesprochen. Die analoge Welt aktiviert aber alle fünf bis sechs Sinne. Fühlen, Riechen und Schmecken spielen neben dem Hören und Sehen eben auch eine zentrale Rolle für unser Erleben. Und unser sechster Sinn, unsere Intuition, ist oft entscheidend. Gerade sie benötigt meist alle fünf Sinne, um echtes Vertrauen oder Liebe zu Menschen – oder Marken aufzubauen. Sicher ist: Die meisten unserer Entscheidungen fallen sehr emotional und sind gesteuert von unseren Sinnen. Emotionen und die Fähigkeit, empathisch zu agieren, ist gerade heute von allergrößter Bedeutung für uns Menschen. Auf die Erkenntnisse der Hirnforschung diesbezüglich habe ich auf meinem Blog oder in meinen Vorträgen hingewiesen. Ich arbeite hier insbesondere auch am Thema „Neuroluxury“. Dass sich Menschen wenig davon merken können, was man ihnen sagt, sich dafür aber sehr gut einprägen, wie sie sich dabei gefühlt haben, ist ebenfalls erforscht.

Es ist aus all diesen Gründen enorm wichtig, privat und beruflich möglichst alles darauf auszurichten, positive Emotionen zu erzeugen. Digitale Medien, die nur zwei der fünf Sinne ansprechen, reichen hierfür nicht aus. Es braucht möglichst alle fünf Sinne, und das wird – zum Glück – auch bei zunehmender Digitalisierung so bleiben.

Zu den großen Herausforderungen unserer Zeit zählen auch die Widersprüche der analogen und digitalen Welten. „Doc“ Florian Kaps von Supersense in Wien, laut des US-Bestseller-Autors David Sax („Die Rache des Analogen: Warum wir uns nach realen Dingen sehnen“) der Retter des Polaroid Films, sagt hierzu:

„Vor einigen Jahren war klar, dass das Digitale das Analoge auslöschen würde – aber dann begann man die Nebenwirkungen zu spüren. Digitales kann man nicht riechen, man kann nicht daran lecken und außerdem hinterlässt man keine Spuren im Internet.“
(Doc Kaps)

Der österreichische Unternehmer erwartet für die Zukunft „eine wertige Kombination beider Welten“. Seine provokative These lautet:

„Trust your senses: So riecht das Ende der digitalen Revolution.“ (Doc Kaps)

Video Interview mit Doc Kaps und Céline Willers:

2. Die Verbindung des Analogen mit dem Digitalen basiert auf dem Verständnis und der Akzeptanz des Widerspruchs

Meine Thesen zur Widersprüchlichkeit der analogen und digitalen Welt, insbesondere wenn es um das Thema Lebensqualität geht, basieren auf der Aussage des Philosophen Hegel, der sagte:

„Nur das ist lebendig, was Widerspruch in sich trägt, Doch nur wer ihn fassen kann, sonst geht man daran zu Grunde“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)

Aha, also Widerspruch ist laut Hegel die Grundlage von Lebendigkeit. Genau das ist auch meine Lebenserfahrung. Zum Beispiel zeigt sich der Widerspruch von Bindung und Freiheit auf eindrucksvolle Weise in Beziehungen. Die Erkenntnis von Hegel halte ich für essentiell und sie hat mich an einem wichtigen Punkt in meinem Leben innerlich befriedet und befreit. Ich glaube zutiefst, dass in der Erkenntnis und Akzeptanz der Widersprüche des Lebens ein sehr wirkungsstarker Lösungsansatz für unser Leben und unsere Zeit liegt. Am liebsten will man ja „entweder – oder“. Wir leben aber in einer “sowohl als auch“-Welt. Das lässt sich im Prinzip auf alle Themen übertragen.

Den Widerspruch der analogen und digitalen Welt zu verstehen, ihn zu akzeptieren und eine gelungene Verbindung des Analogen mit dem Digitalen zu finden, halte ich aktuell und zukünftig für eine der interessantesten Herausforderung für uns Menschen, privat und beruflich. Dies ist eine sehr gute Übung (und wir sind ja übende Wesen), um mit der Widersprüchlichkeit des Lebens generell besser zurechtzukommen und sie zu akzeptieren.

Der Coach und Philosoph Jens Corssen ist zum Beispiel fest davon überzeugt, dass Misserfolg und viele Krankheiten genau von diesem Widerstand kommen, wenn wir die Dinge nicht so akzeptieren, wie sie sind. Wer das verstanden hat und umsetzen kann, lebt wesentlich leichter und besser.

3. Millennials haben aufgrund der „Entsinnlichung“ eine besonders große Sehnsucht nach dem Analogen

Zu den Bedürfnissen der sogenannten Millennials (= 20-35-Jährige) sagt Manfred Tautscher, Geschäftsführer Sinus Markt- und Sozialforschung:

Es entwickelt sich eine junge Elite, die Wert auf klassische Status-Symbole legt. Heritage [= Herkunft/Anm d. Verfs.] und Analog spielen in Verbindung mit Luxus bei dieser digital-souveränen Zielgruppe eine zentrale Rolle. Sowohl materiell wie auch immateriell. Stichwort Vintage in die Moderne übertragen und der Luxus von Auszeit, sprich Digital Detox.“

Manfred Tautscher sieht gerade bei den 25- bis 40-Jährigen, die im Wohlstand und mit allen digitalen Errungenschaften groß geworden sind, eine „Hinwendung zum Analogen als Reaktion auf die physische Entsinnlichung“.

„Die Hinwendung zum Analogen ist eine Reaktion auf die physische Entsinnlichung.“ (Manfred Tautscher)

Sehnsucht nach Auszeiten vom Digitalen

Es gebe, besonders bei den Vorreitern unter den Digital Natives, eine Sehnsucht nach Auszeiten vom Digitalen. Der Boom von Vinyl-Schallplatten, Unplugged-Konzerten und traditionellen Kameras zeige das. Tautscher warnte allerdings davor, in eine analoge Nostalgie zu verfallen. Damit könne man gerade junge Leute nicht erreichen. „Es geht darum, Tradition mit einem Twist, einem neuen Spin zu versehen“, sagt Tautscher. Gerade das Unerwartete mache eine Geschichte und ein Produkt interessant.

Dass Analoges wieder mehr wertgeschätzt wird, liegt für Tautscher auch an einer zurückgehenden Aufmerksamkeit für das Digitale. „Das liegt einerseits daran, dass sich immer mehr Menschen davon überfordert fühlen und es andererseits inzwischen so normal ist wie Strom“, sagt Manfred Tautscher, und hier ist es sinnvoll, sich seine starke These nochmals in Erinnerung zu rufen: „Die Hinwendung zum Analogen ist eine Reaktion auf die physische Entsinnlichung“.

4. Wir brauchen mehr Romantisierung in einer zunehmend digitalisierten Welt!

Gerade heute ist Romantisierung dringender denn je vonnöten.

Sie haben richtig gelesen! Aber Romantik im Sinne von Novalis – nicht wie bei Herz-Schmerz-Hollywood-Filmen –, sondern mit den Dimensionen Sinn, Würde, Überraschung und sogar Unendlichkeit als wesentliche Romantisierungsstrategien.

„Wenn ich dem Gemeinen einen hohen Sinn,
dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen,
dem Bekannten die Würde des Unbekannten,
dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe,
so romantisiere ich es.“ (Novalis)

Damit beschäftige ich mich schon länger mit zunehmender Begeisterung und halte dazu auch Vorträge. Ich behaupte, mein Leben wäre nicht so spannend und lebendig, wenn ich das nicht möglichst oft umsetzen würde. Mein Motto lautet deshalb:

„Romantisiere Dein Leben und Dein Geschäft und schaffe mehr Sinn, Würde, Überraschung und Geheimnis.“     (Michael Sandvoss)

Und genau das braucht auch die Luxusgüterbranche so dringend wie wir die Luft zum Atmen.

5. Das Überraschende und Unerwartete ist gerade im Luxussegment gefragt

In der heutigen transparenten und „dataistischen“ Welt ist generell wieder mehr Überraschendes und Geheimnisvolles gefragt, insbesondere im Luxussegment.

Wahrer Luxus stand eigentlich immer für Exklusivität, Qualität und Distinktion. Luxus ist heute aber oft sehr standardisiert, sei es in der Produktion oder in der Distribution.

Manfred Tautscher vom Sinus-Institut sieht darin eine der größten Herausforderungen, insbesondere für Luxusmarken. Der Widerspruch liegt darin, dass sie omnipräsent sind, insbesondere junge Menschen aber das Unerwartete, “the unexpected“, suchen.

6. Luxuserfahrungen werden zunehmend wichtiger als luxuriöse Dinge

Was für eine Rolle spielen dann heute luxuriöse Dinge? Frei nach dem Philosophen Adorno könnte man auch heute sagen:

„Mit Luxuserfahrungen kann man der Sklaverei des Zwecks entfliehen.“  (Adorno)

Aber wie können Luxusprodukte und Services unsere Lebensqualität gar nachhaltig steigern? Luxus- und Retail-Experte Serge Hoffmann, Partner bei Bain & Company, sagt in Bezug zu den Bedürfnissen der Millennials: „Luxusprodukte sollten vor allem ihre Individualität unterstreichen. Sie wünschen mehr Dialog mit den Marken, suchen Inspiration und erwarten vor allem einen hohen Erlebniswert.“ Serge Hoffmanns These lautet:

“Was wäre, wenn Luxus nicht mehr länger das Besitzen von Produkten wäre, sondern wenn es darum geht, eine einzigartige Erfahrung zu machen, die sonst niemand macht?”
(“What if LUXURY was NO LONGER about OWNING a PRODUCT but rather having a UNIQUE EXPERIENCE LIKE NOBODY ELSE?”)
(Serge Hoffmann)

Video Interview mit Serge Hoffmann und Céline Willers:

7. Der Luxus-Handel braucht mehr Omnichannel-Service

Menschen erwarten mittlerweile, dass ihre Marken über alle denkbaren Kanäle erreichbar sind. Sie erwarten integrierte und vernetzte Multi-Omnichannel-Stores. „Käufer informieren sich im Internet, gehen dann in einen Store, um das Produkt sehen und anfassen zu können, bestellen es vielleicht dann doch online und nehmen später den Service im Geschäft in Anspruch. Die Herausforderung für Luxusmarken besteht darin, es zu schaffen, den Kunden mit Namen zu begrüßen und seine Wünsche zu kennen, egal, ob er zur Online-Tür hereinkommt oder in einen Store geht“, erläuterte Serge Hoffmann.

Tautscher vom Sinus Institut sagt dazu, dass auch die „Touchpoints unexpected“ sein sollten (Touchpoints = Berührungspunkte im Kaufentscheidungsprozess).

Die große Herausforderung ist also, „mehr unerwartete Berührungspunkte und Kontaktpunkte und positive Überraschungen im Kaufprozess“ zu kreieren, sagt Tautscher. Das ist ein gutes Beispiel für Romantisierung im Business.

Fazit: Je digitaler unsere Welt wird, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Analogen. Hochqualitative Luxuserlebnisse und Produkte sind zukünftig eher noch mehr gefragt. Die Widersprüche der analogen und digitalen Welt zu verstehen, sie zu akzeptieren und so eine gelungene Verbindung zu erreichen, halte ich für eine der interessantesten Herausforderung für uns Menschen, privat und beruflich und insbesondere auch im Luxussegment.

In der gelungenen „Romantisierung“ mittels mehr Sinn, Würde, Überraschung und Geheimnis liegt eine große Chance für den privaten und den geschäftlichen Erfolg. Und, wie Odo Marquard sagte: „Zukunft braucht Herkunft.“

Michael Sandvoss – Experte für Luxus & Lebenskunst | Foto: Thomas Friedl – Friedl Photography